In den vergangenen Wochen hatten wir u. a. in den Referaten Geotechnik Nord (G5) und Geotechnik Küste (G6) bei der BAW in Hamburg tatkräftige Verstärkung: Cal Matthiesen, 15 Jahre alt, hat sein Schülerpraktikum bei uns absolviert. Für seinen Praktikumsbericht hat er sich eine Leitfrage ausgesucht, die aktueller kaum sein könnte:
„Macht KI die Arbeit der BAW verlässlicher oder schafft sie neue Risiken für kritische Infrastruktur?“
Ja! Auch ich habe gestaunt –
Um Cal eine ehrliche und fundierte Antwort zu geben, wollten wir ihm keine abstrakte Theorie vorsetzen. Stattdessen schickten wir ihn direkt an die Versuchstechnik und banden seine Ergebnisse in eine interne Studie der Referate G5 und G6 ein. Unser Ziel war, dass Cal eigenhändig Daten erheben, diese mathematisch aufbereiten und am eigenen Versuch nachvollziehen soll, wie aus echten Bodenproben verlässliche Daten für den Bereich des Maschinellen Lernens (KI-Prognosemodelle) entstehen die dann ein praktisches Problem lösen können.
Die bodenmechanische Relevanz: Die Lagerungsdichte rolliger Böden
Um den Brückenschlag zur Datenverarbeitung zu wagen, mussten wir ganz vorne anfangen – bei den bodenmechanischen Grundlagen. Wenn wir in der Geotechnik das Verhalten von sandigem Baugrund unter Belastung bewerten, betrachten wir primär das Zusammenspiel der Körner und das dazwischenliegende Porenvolumen.
Die Grenzporenzahlen emin und emax spannen hierbei idealisiert, den physikalischen Existenzbereich eines rolligen Bodens auf. Die Porenzahl an sich ist mit dem Quotienten aus dem Hohlraumvolumen zum Feststoffvolumen einer Kugelpackung definiert.
Diese Grenzwerte sind das mathematische Koordinatensystem für die relative Dichte, welche wiederum maßgeblich die Scherfestigkeit, die Kompressibilität und das Verflüssigungspotenzial eines Bodens steuert. Weicht ein Sand im Feld zu weit von seiner dichtesten Lagerung ab, kann das Korngerüst unter Belastung kollabieren. Wie dicht sich ein Sand überhaupt packen lässt, hängt dabei meist von seiner Kornzusammensetzung und der geometrischen Beschaffenheit seiner Körner ab. Für verlässliche Berechnungen benötigen wir daher hochpräzise Kennwerte über Korngrößen wie D50 (Korndurchmesser bei 50% des Siebdurchgangs), die Ungleichförmigkeitszahl CU und die Kornform.
Wir haben Cal durch zwei völlig unterschiedliche Welten der Datenerhebung geführt, um ihm zu zeigen, wie wir diese Kennwerte im Labor ermitteln:
1) Der analoge Ausgangspunkt (Bestimmung von emax und emin nach DIN 18126):
Zuerst durfte unser Praktikant selbst an die praktische Arbeit ran. Um die lockerste Lagerung emax zu bestimmen, wird der Sand ganz behutsam und ohne Erschütterungen durch einen Trichter in den Messzylinder eingefüllt. Das Ziel ist es, ein möglichst lockeres Korngefüge zu erzeugen. Für die anschließende Bestimmung der dichtesten Lagerung emin wird derselbe Sand erneut vorbereitet, in den Zylinder wassergesättigt und über die Schlaggabel mechanisch stoßartig verdichtet. Durch diese kontrollierten Schläge lagern sich die Körner so eng wie möglich aneinander um. Beide Versuche erfordern etwas Geduld und Fingerspitzengefühl.
2) Die digitale Ergänzung (Dynamische Bildanalyse mit dem Camsizer XT):
Nach der Handarbeit ging es für Cal an den optischen Messstand zum Microtrac Camsizer XT. Über eine Dosierrinne im freien Fall passierten die von Cal mittels Probenteiler vorbereiteten Sandproben im freien Fall ein Doppel-Kamerasystem. Binnen Sekunden wertete der Computer zehntausende Körner im Durchlichtverfahren aus und lieferte exakte Formparameter:
Ein Aha-Moment für Cal war hierbei, dass in älteren Literaturstudien Kornformen oft visuell über Vergleichstafeln (z. B. nach Krumbein et al., 1951) geschätzt wurden. Studien (u. a. Hryciw et al., 2016) belegen jedoch, dass das menschliche Auge die Rundheit von Sanden systematisch unterschätzt. Der Camsizer XT hingegen eliminiert diesen subjektiven Fehler und liefert die objektive Präzision, die Algorithmen benötigen.
Datenanalyse: von den Laborwerten über eine erste Korrelation zum Prognosemodell
Anschließend wertete Cal seine eigenen Versuchsdaten schrittweise mathematisch aus. Dabei stellten wir gemeinsam die logische Genese von der einfachen Statistik hin zum maschinellen Lernen dar:
Für Cal wurde in diesem Gespräch anschaulich greifbar: Erst wenn Sieblinien- und Formparameter gemeinsam in multiple (teils nicht-lineare) Gleichungen einfließen – wie es die GIF-Abfolge der Literaturmodelle von (Patra et al, 2010), (Cho et al. 2006) über (Rouse et al. 2008) bis hin zu (Chang et al. 2018) verdeutlicht -, schrumpft die Streuung der Prognosen drastisch. Des Weiteren wurde klar, dass hierfür eine größere Datenmenge an Versuchsdaten erforderlich ist, welche darüber hinaus qualitativ hochwertig sein muss.

Durch sein Praktikum konnte Cal seine Leitfrage am Ende besser beantworten: KI macht die Arbeit im Ingenieurwesen nicht automatisch verlässlicher – sie steht und fällt mit der Qualität der Trainingsdaten („Garbage in, Garbage out“).
Viele ältere Datensätze in der internationalen Literatur (wie bei Chang et al. 2018) kämpfen mit erheblichen Messunsicherheiten und starker Streuung, da sie auf subjektiven Schätzungen der Kornform beruhen und Daten aus unterschiedlichsten internationalen Versuchsstandards (ASTM, DIN, JIS) vermischen.
Hier setzt die methodische Schärfung unserer Studie in den Referaten G5 und G6 an: Durch den konsequenten Einsatz moderner, automatisierter Verfahren zur Bestimmung von Korngröße und Kornform (Camsizer XT) sowie die strikte Anwendung einer einzigen, einheitlichen Herangehensweise bei der Ermittlung von emin und emax (DIN 18126) können wir die vergleichende Datenbasis und darauf aufbauende Prognosemodelle auf ein deutlich fundierteres, streuungsarmes und wissenschaftlich belastbareres Fundament stellen.

Für Cal waren die zwei Wochen ein Erfolg: Er hat erlebt, dass Geotechnik heute eine hochspannende Schnittstelle aus physikalischer Präzisionsarbeit im Labor und auch angewandter Datenwissenschaft ist. Insbesondere die angeleitete aber vorwiegend selbstständige Durchführung der Laborversuche und die Diskussion der einzelnen Auswertungen hat ihn hierbei sehr begeistert.
Als wissenschaftlicher Angestellter des Referats K6 beschäftige ich mich vorwiegend mit geotechnischen Fragestellungen im maritimen sowie küstennahen Bereich.
Große Forschungsfragen entstehen selten isoliert – sondern oft genau dort, wo unterschiedliche Fachperspektiven aufeinandertreffen.
Der Ausgangspunkt dieser Arbeit lag in einer einfachen, aber folgenreichen Überlegung: Welche Rolle spielen Porenwasserdruckänderungen infolge von Freak Waves für die geotechnische Bemessung von Offshore-Gründungen? Eine Fragestellung, die genau an der Schnittstelle zwischen Küsteningenieurwesen und Geotechnik liegt – und damit auch zwei zentrale Kompetenzfelder der Bundesanstalt für Wasserbau verbindet.
Aus dieser Idee entwickelte sich eine Zusammenarbeit zwischen der BAW und der Bauhaus-Universität Weimar. Gemeinsam mit Prof. Patrick Staubach wurde das Thema in eine studentische Arbeit überführt. Mit Finn Jost konnte ein Studierender gewonnen werden, der sich intensiv mit großen Wellen und deren Auswirkungen beschäftigte – und eine hervorragende Arbeit vorlegte.
Ein entscheidender Erfolgsfaktor war dabei die enge Verzahnung innerhalb der BAW selbst: Mit Dr. Ina Teutsch konnte eine ausgewiesene Expertin für Freak Waves aus der Abteilung Wasserbau im Küstenbereich eingebunden werden. Gemeinsam mit der geotechnischen Perspektive entstand so ein interdisziplinärer Ansatz, der sowohl die hydrodynamischen Prozesse als auch die Reaktion des Baugrunds konsistent berücksichtigt.

Die daraus entstandene Veröffentlichung https://ascelibrary.org/doi/abs/10.1061/JGGEFK.GTENG-14110 , welche von der ASCE-Redaktion als Editor’s Choice hervorgehoben wurde, zeigt erstmals, dass die explizite Berücksichtigung von Porenwasserdruckänderungen infolge extremer Einzelwellen einen maßgeblichen Einfluss auf das Tragverhalten von Monopile-Gründungen haben kann. Damit rückt ein Aspekt in den Fokus, der in bisherigen Bemessungsansätzen oft vernachlässigt wurde.

Damit rückt ein physikalischer Mechanismus in den Mittelpunkt, der für die Bewertung extremer Naturereignisse ebenso wie für die Weiterentwicklung moderner Bemessungsansätze von zentraler Bedeutung ist.

Was dieses Projekt besonders macht, ist die Kombination aus:
Es ist ein Paradebeispiel dafür, welches Innovationspotenzial entsteht, wenn fachliche Schnittstellen aktiv besetzt und genutzt werden.
Gleichzeitig ist die Arbeit kein Abschluss, sondern ein Ausgangspunkt:
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Freak Waves nicht nur eine hydrodynamische Randbedingung darstellen, sondern über Porenwasserdruckänderungen direkt in das Tragverhalten von Gründungen eingreifen können. Damit stellen sich eine Reihe bislang unbeantworteter Fragen, die in der aktuellen Bemessungspraxis noch nicht adressiert werden.
Wie geht es weiter?
Im Fokus weiterer Untersuchungen steht daher die systematische Analyse zusätzlicher Einflussfaktoren. Dazu zählen insbesondere:
Darüber hinaus besteht ein wesentlicher Forschungsbedarf in der experimentellen Validierung, da bisherige Untersuchungen Freak Waves überwiegend aus fluidmechanischer Sicht betrachten und die gekoppelte Wirkung auf Struktur und Baugrund nur unzureichend erfasst ist.
Die beteiligten Partner werden sich daher auch künftig gemeinsam diesem Themenfeld widmen, um die identifizierten offenen Fragen gezielt weiterzuentwickeln und langfristig in verbesserte Bemessungsansätze zu überführen.
Als wissenschaftlicher Angestellter des Referats K6 beschäftige ich mich vorwiegend mit geotechnischen Fragestellungen im maritimen sowie küstennahen Bereich.
Am 16. November 2023 fand der gemeinsame Besuch des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (Referat O2/Flächenvoruntersuchung) und Mitarbeitenden des Ingenieurbüros Ramboll (Hamburg sowie Espoo/Finnland) bei der BAW in Hamburg – Rissen (Referat K6/Geotechnik Küste) statt.
On November 16th, the joint visit of the Federal Maritime and Hydrographic Agency (BSH) (Department O2/preliminary investigation of sites) and members of the engineering firm Ramboll (Hamburg and Espoo/Finland) took place at the BAW in Hamburg – Rissen (Department K6/geotechnical engineering in coastal areas).

Alle Teilnehmenden sind maßgeblich an der Flächenvoruntersuchung des BSH im Rahmen der Ausschreibung von Flächen zur Errichtung und zum Betrieb von Windenergieanlagen auf See beteiligt. Für diesen Zweck werden geotechnische Feld- und Laborversuche durchgeführt welche zum Teil auf dem Schiff sowie in verschiedenen europäischen Laboren durchgeführt werden. Die Offshore-Arbeiten werden durch Ramboll sowie BAW und BSH begleitet. Entsprechende Ergebnisse werden durch das Ingenieurbüro Ramboll sowie die BAW in geotechnische Berichte gefasst und durch das BSH veröffentlicht.
All participants are significantly involved in the BSH’s preliminary site investigations as part of the tendering process for areas for the construction and operation of offshore wind turbines. For this purpose, geotechnical field and laboratory tests are carried out, some of which are performed on the ship and in various European laboratories. The offshore work is accompanied by Ramboll as well as BAW and BSH. The corresponding results are summarised in geotechnical reports by Ramboll and BAW and later published by the BSH.

Im Laufe der nun bereits einige Jahre andauernden vertrauensvollen Zusammenarbeit kam es leider bisher noch kaum zu persönlichen Treffen in größerer Runde außerhalb von Videokonferenzen. Der informelle Austausch diente allen Beteiligten sich und die BAW besser kennenzulernen. Hierbei hat u. a. auch Marko Kasten vom Referat K1 (Küsteningenieurwesen) einen informativen Vortrag gegeben, in welchem er aktuelle und zukünftige Projekte des Küsteningenieurwesens der BAW beleuchtet hat. Abgerundet wurde der Besuch mit der Besichtigung des geotechnischen Labors.
In the course of this fruitful co-operation, which has now lasted for several years, there have unfortunately hardly been any personal meetings in larger groups outside of video conferences. This informal exchange helped everyone involved to get to know each other and BAW a bit better. Marko Kasten from Department K1 (Coastal Engineering) also gave an informative presentation in which he highlighted current and future coastal engineering projects at BAW. The visit was concluded with a tour of the geotechnical laboratory.

Als wissenschaftlicher Angestellter des Referats K6 beschäftige ich mich vorwiegend mit geotechnischen Fragestellungen im maritimen sowie küstennahen Bereich.
Im September 2017 wurde die Veranstaltung „International Conference on Advancement of Pile Technology and Pile Case Histories“ – kurz PILE 2017 – auf Bali in Indonesien abgehalten, an der auch die BAW mit Beiträgen aus den Referaten K5 und K6 vertreten war. Die Tagung bot den ca. 300 Teilnehmern ein hoch spezialisiertes Themenfeld rund um theoretische und praktische Fragestellungen des Bauens mit Pfählen. Die hochkarätig vertretenen Keynotespeaker wie Prof. Bengt Fellenius (seit über 50 Jahren international tätiger Pfahlexperte) oder Sergej Terzaghi (Chefgeotechniker im Bereich Asien/Australien eines international tätigen Ingenieurbüros mit ca. 10.000 Mitarbeitern und Enkel des Begründers der modernen, wissenschaftlichen Bodenmechanik, Karl Terzaghi) waren ebenso beteiligt wie der scheidende Präsident der Internationalen Gesellschaft für Bodenmechanik und Geotechnik (ISSMGE) Prof. Roger Frank (Paris) und sein Nachfolger Prof. Charles W. W. Ng. (Hong Kong).
Der erste Tag der Veranstaltung war geprägt von Workshops zu den Themen Pfahlbemessung und Pfahlprobebelastungen. Hier wurden unterschiedlichste Projekte aus der ganzen Welt vorgestellt in denen u. a. auf das Lastsetzungsverhalten von Pfählen und den Einsatz faseroptischer Messinstrumente bei Pfahlprobebelastungen eingegangen wurde.
Die folgenden Tage waren geprägt von sehr interessanten Vorträgen international renommierter Redner wie Prof. Ikhuo Towhata (ehemaliger Professor der Universität Tokio) u. a. zu Modellversuchen an Pfählen oder Prof. Hesham El Naggar von der Western University aus Kanada zur Bemessung von Schraubpfählen.
Rückblickend bleiben jedoch nicht nur die fachlichen Highlights in Erinnerung, sondern auch, dass große Teile der Insel zu dieser Zeit evakuiert werden mussten, da der Vulkan Agung auszubrechen drohte, was schließlich zwischen November 2017 und Februar 2018 mit mehreren Eruptionen geschah.
Als wissenschaftlicher Angestellter des Referats K6 beschäftige ich mich vorwiegend mit geotechnischen Fragestellungen im maritimen sowie küstennahen Bereich.
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