Gegenständliches Modell

Zwei Wochen bei CEDEX in Madrid – Austausch, Experimente und Erkenntnisse im Wasserbau

Seit Anfang 2025 hat die Bundesanstalt für Wasserbau (BAW) eine Koorperationsvereinbarung mit dem Centro de Estudios y Experimentación de Obras Públicas (CEDEX, Madrid). Im Rahmen eines zweiwöchigen Austauschs war ich zu Gast beim Centro de Estudios Hidrográficos von CEDEX in Madrid. Ziel des Aufenthalts war der fachliche Austausch zu aktuellen Forschungsfragen im Bereich Wasserbau und Hydraulik sowie die gemeinsame Arbeit an Messungen, numerischen Modellen und Laborversuchen.

Spanien. Ein Land der Staudämme und Küsten.

Spanien verfügt mit rund 1 300 Talsperren über eine der höchsten Dichten weltweit. Das Land ist stark vom Wasserhaushalt abhängig, sowohl zur Trinkwasserversorgung als auch für Bewässerung und Energieerzeugung. Mit einer Küstenlinie von mehr als 8 000 Kilometern ist Spanien zugleich das europäische Land mit der längsten Meeresgrenze. Das Hafensystem liegt an einer der wichtigsten Seewege der Welt und umfasst 46 Häfen, die zum Großteil als Warenumschlag dienen. Das Klima ist geprägt durch große Gegensätze zwischen trockenen Sommern im Binnenland und feuchteren Bedingungen an Atlantik und Mittelmeer.

Madrid. Das königliche Zentrum Spaniens.

Die spanische Hauptstadt liegt geografisch im Zentrum der Iberischen Halbinsel und gilt als Mittelpunkt Spaniens. Mit ihren rund 3,3 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist Madrid nicht nur politisches, sondern auch kulturelles Zentrum des Landes.

Blick über den südlichen Stadtteil Madrids.
Blick über den südlichen Stadtteil Madrids.

Blick über die Dächer von Madrid.
Blick über die Dächer von Madrid.

Ich wohnte während meines Aufenthalts in einer kleinen Dachgeschosswohnung nahe des Plaza Mayor – mitten im Herzen Madrids, umgeben von engen Gassen, Tapas-Bars und geschäftigem Treiben. Das CEDEX-Gelände war in etwa 25 Minuten zu Fuß erreichbar und bot damit einen täglichen Spaziergang durch die belebten Straßen der Altstadt.

CEDEX. Spaniens Zentrum für Wasserbau und Umwelttechnik.

Das Centro de Estudios y Experimentación de Obras Públicas (CEDEX) ist eine autonome Einrichtung innerhalb der spanischen Staatsverwaltung. Organisatorisch ist es dem Ministerium für Verkehr, Mobilität und Stadtplanung zugeordnet, arbeitet aber auch im Auftrag des Ministeriums für den ökologischen Wandel und die demografische Herausforderung. Bei CEDEX gibt es mehrere spezialisierte Einheiten. Für uns im Bereich Wasserbau sind dabei das Centro de Estudios Hidrográficos mit Schwerpunkt auf Wasserbau im Binnenbereich sowie das Centro de Estudios de Puertos y Costas mit Schwerpunkt auf Hafen-, Küsten- und Meeresbau interessant. Die Aufgaben ähneln in vielen Punkten denen der Bundesanstalt für Wasserbau (BAW): technische Bewertung, Forschung und Wissenstransfer im Wasserbau und Flussbau. Sowohl die BAW als auch CEDEX beteiligen sich an internationalen Konferenzen, besuchten gegenseitig ihre Laboratorien und suchen nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

Das Hydrauliklabor. Forschung rund um Talsperren.

Das Laboratorium des Centro de Estudios Hidrográficos umfasst ein breites Spektrum wasserbaulicher Fragestellungen mit Schwerpunkt auf den Betrieb und der Optimierung von Talsperren. Dazu gehören Untersuchungen zur Gestaltung von Hochwasserentlastungen (Optimierung des Überlaufs), zu Kolkbildungen im Unterwasser und zur Strömungsdynamik in Grundablässen. Wie auch an der BAW werden dort Ringleitungssysteme mit Hoch- und Tiefbehältern zur Wasserversorgung der Modelle eingesetzt. Messungen von Wasserspiegeln, Geschwindigkeiten und Drücken werden mit numerischen Simulationen in 2D und 3D kombiniert, um das Verständnis komplexer Strömungsvorgänge zu verbessern.

Blick in das Laboratorium von Cedex mit mehreren gegenständlichen Modellen zur Untersuchung von Talsperren
Das Laboratorium von Cedex mit mehreren gegenständlichen Modellen zur Untersuchung von Talsperren.

Messkampagne an der Talsperre El Grado

Ein Höhepunkt des Aufenthalts war die Beteiligung an einer Messkampagne an der Talsperre El Grado in der Provinz Huesca (Nahe der Pyrenäen). Die Anreise von Madrid dauerte rund sechs Stunden mit dem Auto. Die 1969 fertiggestellte Talsperre El Grado staut den Fluss Cinca und versorgt weite Teile Aragoniens mit Wasser. Sie dient der Bewässerung, der Trinkwasserversorgung von über 100 Gemeinden sowie der Energiegewinnung.

Ziel der aktuellen Untersuchungen war die Analyse des Betriebsverhaltens der Grundablässe, die in der Vergangenheit durch starke Vibrationen und Geräuschentwicklungen aufgefallen waren. Ursache hierfür könnten Strömungsablösungen und Unterdruckzonen im Bereich einer sich verjüngenden Engstelle vor den Steuerklappen sein. Im Rahmen der Messkampagne wurden Drucksensoren im Abzweigstück sowie Beschleunigungsaufnehmer am Schütz installiert, um das instationäre Druck- und Schwingungsverhalten zu erfassen. Die Auswertung zeigte deutliche Druckabfälle beim Öffnungsvorgang sowie pulsierende Luftzufuhr über die Belüftungsventile. Diese intermittierende Luftzuführung könnte die beobachteten Schwingungen verursachen. Die Auswertung der Messdaten ist noch nicht final abgeschlossen.

Blick in den Betriebsraum der Grundablässe der Talsperre El Grado. Zu sehen ist ein Strang des Grundablasses mit zwei Schützen sowie den Belüftungsventilen.
Betriebsraum der Grundablässe der Talsperre El Grado.

Nach einer Übernachtung in Huesca erfolgte die Rückfahrt nach Madrid, begleitet von kräftigem Regen, der die Straßen in Madrid zeitweise in kleine Wildbäche verwandelte. Wasserfestes Schuhwerk ist hierbei unabdinglich.

Parallel zur Messkampagne wurde in der Laborhalle des Centro de Estudios Hidrográficos ein gegenständliches Modell der Talsperre El Grado aufgebaut, das künftig zur Validierung der Druck- und Geschwindigkeitsfelder genutzt werden soll. Das Modell wird zeitnah in Betrieb genommen.

Blick auf das gegenständliche Modell der El Grado Talsperren im Laboratorium der Cedex. Zu erkennen ist die Position der beiden Schütze inklusive Belüftungsventil.
Das gegenständliche Modell der El Grado Talsperre im Laboratorium der Cedex.

Küstenlabor und Schiffsführungssimulator

Neben der Arbeit am Centro de Estudios Hidrográficos bot sich die Gelegenheit, das Centro de Estudios de Puertos y Costas, das Küstenlaboratorium von CEDEX, zu besuchen. Die Halle wurde nach einem Einsturz durch Schneelast vor wenigen Jahren neu errichtet und beherbergt heute eine beeindruckende Vielfalt an Modellen mit Bezug auf Küste und Häfen. Die Aufgaben liegen in der Untersuchung zur Böschungsstabilität, zu Wellenbelastungen und zur Wechselwirkung zwischen Wellen, Wind und Strömung. Wellen werden entweder über hydraulisch betriebene Großklappen oder über einzeln steuerbare kleine Segmente erzeugt. Ergänzend gibt es einen Windkanal, mit dem die kombinierte Wirkung von Wellen und Wind simuliert wird.

Ein weiteres Highlight war der Schiffsführungssimulator: eine voll ausgestattete Steuerkabine mit einer 270-Grad-Projektionsleinwand, die realistische Manöver in Hafenzufahrten ermöglicht. Aufgrund des sehr realen Erlebens kommt es nicht selten vor, dass Besuchende die Seekrankheit gleich mitnehmen. Ein eindrucksvolles Beispiel praxisnaher Ausbildung.

Schiffsführungssimulator von Cedex mit einer 270 Grad Projektionsleinwand und der Schiffskabine.
Schiffsführungssimulator von Cedex mit einer 270-Grad-Projektionsleinwand und der Schiffskabine.

Madrid erleben

In den freien Stunden blieb Zeit, Madrid zu erkunden: den Plaza Mayor, den Königspalast, die gläserne Palacio de Cristal im Retiro-Park oder den modernen Parque Río am Ufer des Manzanares. Überall lockten Tapas-Bars, Mercados und kleine Cafés.

Bewegung inklusive

Ein Nebeneffekt des Aufenthalts: In der ersten Woche kamen über 100 000 Schritte, rund 72 Kilometer und mehr als 1 000 Höhenmeter zusammen. Dies ist ein lebendiger Beweis dafür, dass auch der Weg zwischen Labor, Altstadt und Tapas-Bar zu einem aktiven Austausch beitragen kann. Ganz nebenbei habe ich damit sogar mein Bonuskonto bei der Krankenkasse aufgefüllt.

Schlussfolgerung und (wärmste) Empfehlung

Der Aufenthalt bei CEDEX bot nicht nur wertvolle Einblicke in die spanische Forschungslandschaft, sondern auch konkrete Anknüpfungspunkte für künftige Kooperationen im Bereich hydraulischer Modellierung sowie Messmethodik. Die Kolleginnen und Kollegen vor Ort waren durchweg offen, hilfsbereit und engagiert. Eine Gastfreundschaft, die den Aufenthalt nicht nur fachlich, sondern auch persönlich bereicherte. Der wissenschaftliche Austausch hat deutlich gezeigt, wie eng die Themen von BAW und CEDEX miteinander verwoben sind und dass internationale Zusammenarbeit die beste Grundlage für zukunftsorientierte Lösungen im Wasserbau bildet.

3rd International Workshop on Labyrinth und Piano Key Weirs

Die BAW untersucht seit gut drei Jahren im Rahmen des Projekts „Feste Wehre an Bundeswasserstraßen“ sogenannte Labyrinth- und Piano-Key-Wehre. Dabei handelt es sich um feste Wehre, die im Grundriss gefaltet sind. Durch die wesentlich größere Überfalllänge ergibt sich eine deutlich höhere Leistungsfähigkeit bei gleicher lichter Weite.

Labyrinth-Wehre werden schon seit vielen Jahren u.a. in den USA eingesetzt. Eine Weiterentwicklung ist das speziell für den Einsatz an Hochwasserentlastungsanlagen von Talsperren entwickelte Piano-Key-Wehr, das in den letzten Jahren vielfach in Frankreich, aber auch in Vietnam gebaut wurde. Das war vermutlich auch der Grund dafür, dass der dritte Workshop nach Liège und Paris diesmal vom 22. bis 24. Februar 2017 in Vietnam stattfand.

Bei dem Workshop hatten wir die Möglichkeit uns mit internationalen Kollegen über diese speziellen Wehrtypen auszutauschen. Der Workshop wurde im Wesentlichen von der Université de Liège, dem Vietnam National Committee on Large Dams (VNCOLD), der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) und der Electricité  de France (EDF) organisiert. Mein Kollege Michael Gebhardt und ich sind dafür nach Vietnam gereist und haben dort unsere Untersuchungen an der Ilmenau und unsere bisherige Forschung zu Labyrinth- und Piano-Key-Wehren vorgestellt.

Die Reise begann Montagvormittag am Karlsruher Hauptbahnhof. Vom Frankfurter Flughafen sind wir dann nach Ho-Chi-Minh-City geflogen und von dort aus weiter zum Konferenzort in Qui Nhon, wo wir nach einer 35-stündigen Anreise ankamen. Die Konferenz fand in einem Hotel statt, in dem auch alle auswärtigen Teilnehmer untergebracht waren. Der Teilnehmerkreis bestand aus etwa 80 Personen, wovon die eine Hälfte aus Vietnam und die andere Hälfte aus dem internationalen Ausland kamen. Vertreten waren unter anderem Kollegen der EDF (Frankreich), der Université de Liège (Belgien), der Utah State University (USA), EPFL (Schweiz), der Islamic Azad University (Iran), der University of Biskra (Algerien), der Stellenbosch University (Südafrika) und VNCOLD (Vietnam).

An zwei Konferenztagen wurden in durchweg interessanten Vorträgen die neuesten Forschungsergebnisse und die praktischen Erfahrungen beim Bau von Labyrinth- und Piano-Key-Wehren vorgestellt. Im Gegensatz zu vielen anderen Konferenzen, bei denen oft eine breite Spanne von Themen rund um Wasserbau und Schifffahrt präsentiert werden, wurde hier nur über diese Wehrtypen diskutiert. Das war hochinteressant und auch aufregend, da man selten die Möglichkeit hat, seine Ergebnisse vor einem derart spezialisierten Fachpublikum vorzustellen. In den Kaffeepausen und während der Mahlzeiten fand immer ein interessanter Austausch zwischen den Teilnehmern aus verschiedensten Ländern statt.

Am dritten Tag fand eine technische Exkursion zur Van Phong Barrage statt, einem in Betrieb befindlichen Piano-Key-Wehr. Mit einer Gesamtlänge von etwa 300 m handelt es sich dabei um eines der größten Piano-Key-Wehre überhaupt.

Insgesamt ist die Teilnahme an einer solchen Konferenz nicht zu unterschätzen. Ein Abstract und ein mehrseitiger wissenschaftlicher Beitrag in englischer Sprache müssen verfasst und fristgerecht abgegeben werden. Die Präsentation selbst muss gut vorbereitet sein und der Vortrag will trotz langer Anreise und Jetlags gut gehalten werden, in der Hoffnung dass die Inhalte auch beim Fachpublikum ankommen. Die interessanten Diskussionen, die geknüpften Kontakte und die gemachten Erfahrungen entschädigen aber schnell und führen zu wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn und einem echten Mehrwert bei der zukünftigen Beratung der WSV.

Verfasst von Fabian Belzner

Seit 2012 befasse ich mich als wissenschaftlicher Mitarbeiter der BAW in der Abteilung Wasserbau im Binnenbereich mit der Hydraulik von Wasserbauwerken.

Die neue Versuchsrinne im Wasserbau

Im November 2015 wurde in der Bundesanstalt für Wasserbau in Karlsruhe eine neue Versuchsrinne in Betrieb genommen. Die 18 Meter lange hochmoderne Versuchsrinne verfügt über einen eigenen Wasserkreislauf, kann jedoch ebenso gut mit dem BAW eigenen Wasserkreislauf betrieben werden. Dabei ist ein maximaler Abfluss von 500 l/s möglich. Die Seitenwände der Stahlkonstruktion bestehen aus spezialgehärtetem Glas, sind nachjustierbar und können ggf. durch Plexiglasplatten ersetzt werden. Die ganze Versuchsrinne ist aufgeständert, so dass auch von unten an die Versuchseinrichtung Messinstrumente angeschlossen werden können.

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Die neue Versuchseinrichtung bietet zahlreiche Möglichkeiten bei der Bearbeitung von Fragestellungen zur hydraulischen Optimierung von Wasserbauwerken. Gegenwärtig können z.B. Untersuchungen zum Lufteintrag, zur Energiedissipation oder zum Schwingungsverhalten teilweise nur unzureichend mit Hilfe numerischer Methoden abgebildet werden. Für diese Fragestellungen haben sich großmaßstäbliche, gegenständliche Labormodelle bewährt.

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Mit Hilfe der neuen Versuchseinrichtung werden beispielsweise Segmentverschlüsse einschließlich Wehrschwellen und Tosbecken untersucht und optimiert. Dies geschieht unter Berücksichtigung der entstehenden Lager- und Antriebskräfte, der Energieumwandlung, sowie der Strömungsablösung an der Schützunterkante und der daraus eventuell resultierenden Schwingungsanfachung.

Neben der Bearbeitung aktueller Fragestellungen aus der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV), dienen die großmaßstäblichen Modelle in der Versuchsrinne der Weiterentwicklung numerischer Methoden, sowie deren Validierung. Beispielsweise in Fragen der Fluid-Struktur-Interaktion oder der Mehrphasenströmung.

Verfasst von Udo Pfrommer

Technischer Angestellter im Bereich Wasserbau im Binnenbereich. Ich untersuche und begutachte mit Hilfe von gegenständlichen Modellen Wasserbauwerke nach hydraulischen Gesichtspunkten.